Das Kreuz mit dem Kreuz

Eine etwas verspätete Reminiszenz zur Karfreitagspredigt

Pfr. i.R. Gotthold Tom Karrer

Pfr. i.R. Karrer

Kürzlich telefonierte ich mit einer Bekannten. Sie war am Karfreitag mal wieder im Gottesdienst. Ihre Reaktion: „Das kann man vergessen. Der Pfarrer war ja selber hilflos. Er hatte das größte Problem mit dem Kreuz. Was soll man da mit nehmen?“ Hat die gute Frau nun einfach Pech gehabt, ist an den Falschen geraten, oder ist das symptomatisch?

Nun, manche Theologen haben tatsächlich Probleme mit dem Kreuz Jesu . Das Wort vom Kreuz ist ihnen nicht gerade eine Torheit, aber doch eine Verlegenheit und beileibe keine Gotteskraft Ich höre gelegentlich, dass man so was dem modernen Menschen nicht mehr zumuten kann. Was, bitte kann dem modernen Menschen nicht mehr zugemutet werden? Boshaft möchte ich fragen, ob die christliche Botschaft überhaupt noch dem modernen Menschen zugemutet werden kann.

Ich bin naiv genug, daran zu erinnern, dass das Kreuz für alle neutestamentlichen Zeugen von zentraler Bedeutung ist. Paulus: „Ich beschloss unter euch nichts zu wissen, als Jesus den Gekreuzigten…wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit… das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen die verloren gehen, uns aber eine Gotteskraft“. Die Synoptiker stellen die Kreuzigung dar und liefern eine starke Deutung: Der Vorhang im Tempel zerriß. Das bedeutet doch : Jetzt ist der Zugang zu Gott offen Der Hebräerbrief stellt das Kreuz als endgültiges und letztgültiges Opfer dar. Ich könnte die Reihe der Belege fortsetzen

Was ist das Problem an dieser Kernaussage des NT? Will jemand dagegen setzen, ein liebender Gott brauche dass Kreuzesgeschehen nicht, so hat er damit recht. Das Kreuz ist wahrlich keine Erfindung Gottes sondern der Menschen. Das Kreuz hat seine Bedeutung darin, was der liebende Gott aus der Kreuzigung seines Sohnes gemacht hat : Erlösung der Menschheit, Neuer Bund mit allen Menschen („Blut des Bundes“). Wer das ausklammert, setzt seine Willkür an die Stelle der Gegebenheiten. Das Problem liegt zum Teil darin dass der Rationalismus mit dem Kreuz nichts anfangen kann – es passt nicht in sein Menschenbild und passt nicht in sein Gottesbild. Leider gibt es Theologen die immer noch -oder wieder neu unkritisch einem oberflächlichen Rationalismus anhängen.

Das Kreuz ist allerdings wirklich ein Problem, wenn es so dargestellt wird, als habe sich Jesus als Sühneopfer dargebracht um den Zorn Gottes zu stillen. Das ist in der Tat dem modernen Menschen nicht zuzumuten. Leider gab es solche Deutungen (Gesangbuchlieder zur Passion!) – und gibt sie vielleicht immer noch. Aber sie sind vom NT her nicht haltbar. Hier ernte ich vielleicht Widerspruch, denn Paulus spricht in Röm. 3, 25 tatsächlich von Jesus als Sühnemittel .Aber der Sinn der Stelle ist doch: Wenn schon Sühnemittel , dann präsentiert Gott selber Jesus als solches und gerade nicht: Jesus präsentiert sich Gott als Sühnemittel. Die neutestamentlichen Zeugen kennen Jesaia 53 und beziehen sich zum Teil ausdrücklich darauf. Dort heißt „Wir dachten, er wäre von Gott geschlagen und gemartert…“ Das wird im weiteren Textverlauf als Fehldeutung erklärt. Schon von daher konnten sie nicht zu der Aussage kommen, dass Gott seinen Sohn stellvertretend für die Menschen geopfert habe. Immer ist es nach ihrer Aussage der Mensch, der Versöhnung braucht, nicht Gott! Von Gott in den verschiedenen Texten die Initiative zur Versöhnung und zum Heil der Menschen aus und er benutzt ausgerechnet das Kreuz, dieses von Menschen erfundene und gebrauchte Marterwerkzeug um zum Ziel zu kommen.

Der diesjährige Predigttext 2. Kor. 5, 16 -21 ist in dieser Hinsicht die passende Auslegung des Kreuzesgeschehens. Paulus sagt, dass er Christus nicht mehr „fleischlich“ kenne. Das heißt doch er kennt ihn nicht mehr (nur) als gescheiterten, gottverlassenen , verfluchten religiösen Führer Ich denke es ist trotzdem nicht verkehrt auch in einer Predigt einen Moment bei der „fleischlichen“ Sicht zu verweilen und Parallelen zu heutigen Leidenden und Gescheiterten zu ziehen. Nur darf man dabei nicht stehen bleiben, sonst verpasst man den Kern des Geschehens. Paulus’ neue Erkenntnis des Kreuzes: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“. Paulus mag auch gewusst haben, dass die führenden Juden den Römer Pilatus zur Kreuzigung geradezu genötigt haben um Jesus selbst als Märtyrer ungeeignet zu machen. Er erwähnt das nicht Für Ihn ist entscheidend, dass Gott in diesem Geschehen gegenwärtig war – er sagt nicht, dass Gott das Kreuz inszeniert hat (das sagt meines Erachtens kein ntlicher Zeuge – es wurde von Menschen inszeniert. Es ist ein Ausdruck der Feindschaft gegen Gott und der hat es zu einem Werk der Versöhnung gemacht. Gott hat als Mensch in Jesus etwas auf sich genommen, was ihm total fremd war, was aber leider zum Menschsein gehörte nämlich Sünde, Gottesferne, Gottlosigkeit, Sinnlosigkeit – für Jesus eine unerhört neue Erfahrung. Dafür gab er uns, was wir so nicht kannten: Einklang mit Gott, Friede Versöhnung. Das meint der Satz: Er hat den, der von keiner Sünde wusste für uns zur Sünde gemacht, damit wir würden die Gerechtigkeit. Dieser Rollentausch, diese Verwandlung ist der „Clou“ des Geschehens. Das Wort „Stellvertretung“ das traditionell verwendet wird trifftt die Sache nicht genau. Es ist die totale Identifikation Jesu mit unserem „Sosein“ und gerade in dieser Identifikation geschieht die entscheidende Verwandlung, weil Gott selber darin der Handelnde ist. Die Inkarnation kommt im Kreuz zu ihrem Ziel. Ein exemplarisches Geschehen für die ganze Menschheit. Ein Geheimnis das rational nicht ganz entschlüsselt werden kann.

Die Konsequenz daraus: Lasst Euch versöhnen mit Gott! Wir sind Botschafter der Versöhnung. Wenn ich das nicht nur kognitiv, sondern umfassend annnehme wirkt es sich lebensverändernd aus. Das kann man dem modernen Menschen durchaus zumuten und predigen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass auch Intellektuelle das akzeptieren können und dafür. dafür dankbar sind. Theologen die damit Probleme haben sollten sich vielleicht mal gründlich mit C.G. Jung beschäftigen oder mit einem Theologen der C.G. Jung verarbeitet hat: Morton T Kelsey – nicht um das Geheimnis zu entschlüsseln, aber um ihm näher zu kommen.

Gotthold Karrer, Pfr. i.R., Buchloe