Pfingsten – das stiefmütterlich behandelte Fest
Tags: Heiliger Geist, Pfingsten, Theologie
Nachlese zu Pfingsten Pfingsten – das stiefmütterlich behandelte Fest
Was ist denn am Pfingsten schon besonderes? Grillsaison eröffnet, Ausflugszeit, Heimatvertriebenentreffen. Kaum Bezug zum Kern des Festes. In der gesllschaftlichen Wahrnehmung ist das Fest eher eine Verlegenheit. Im Jahreskreis der christlichen Feste ist Weihnachten der Paukenschlag mit starkem gesellschaftlichen Echo. Karfreitag und Ostern sind schon leiser, werden aber wahrgenommen. In der Bibel ist es gerade umgekehrt: Weihnachten war ganz leise – gesellschaftlich kaum wahrnehmbar. Karfreitag war öffentlich, aber ein Zeichen von Scheitern und Schande. Ostern spielte sich hinter verschlossenen Türen ab. Aber Pfingsten war ein Paukenschlag. Es brachte mindestens in Jerusalem Tausende auf die Beine und hatte unübersehbare Auswirkungen
Pfingsten in der Schrift und in der kirchlichen Praxis
Der Heilige Geist hat nach biblischem Befund eine zentrale Bedeutung. Warum hat das in der kirchlichen Lehre und Praxis eine so bescheidene Auswirkung? Schon in den Bekenntnisschriften kommt der Hl Geist eher mager weg. Da ist der viel zitierte Satz: “… ubi et quando visum est deo” Er ist wohl wahr, aber – verzeihung – er wir oft behandelt wie eine heilige Lotterie: Du kannst gewinnen, aber rechne eher mit einer Niete. Die römische Kirche hat im Sakrament der Firmung immerhin ein Ritual der Geistverleihung. Aber traut sie sich etwas daraus zu machen? Ich durfte Firmpate bei einem meiner Enkel sein und war erstaunt über den Inhalt der Firmliturgie. Warum wird so verschämt damit umgegangen? Wegen der zickigen Mädchen und Lausbuben an denen sowas vollzogen wird? In unserer Kirche kommt Geistvermittlung nur beiläufig vor. in Verbindung mit anderen Ritualen wie Taufe, Ordination. Der Heilige Geist hat schlichtweg keine zentrale Eigenbedeutung. Ich stelle das fest, ohne jemanden anklagen zu wollen. Ich hoffe, dass die wachsende Bedeutung des Begriffs “Spiritualität” eine Wandlung in Gang setzt.
Eigene Erfahrung
Vom theologischen Studium her war der Heilige Geist für mich eine Chiffre, er hatte keine praktische Bedeutung bis ich das Buch eines anglikanischen Kollegen las (Dennis Bennett, In der dritten Stunde), in dem er seine “Entdeckung” des Heiligen Geistes und seiner Gaben schildert. Ich hatte noch kein Drittel gelesen, das sagte etwas in mir: Das mußt du haben, koste es was es wolle. Heute ist mir klar, dass ich auf dem spirituellen Tiefpunkt war und unbewußt meine inner Leere ausfüllen wollte. Nun war es damals in den 70er Jahre schwer mit jemand darüber vernünftig theologisch zu reden. Heiliger Geist, gar Erfahrungen mit ihm – das war einfach kein Thema. Also nahm ich die beschriebene Erfahrung jenes Kollegen als Anleitung und begab mich in ein geistliches Abenteuer. Es verlief unspektakulär, vor allem fernab von allem Ekstatischen. Gewiß ich bat den Hl Geist mit einer Erwartung, wie nie zuvor mich zu erfüllen. Ich ließ mich darauf ein, in einer mir unbekannten Sprache zu reden (Luherdeutsch “in Zungen reden”) und tu das immer noch zu meiner Erbauung.
Das löste eine Veränderung aus – ganz behutsam: Gott wurde mir real, ich fing wieder an zu beten (leider muß ich das so sagen) und die Bibel enthielt auf einmal Texte, die mich ganz persönlich angingen. Ihre Lektüre wurde mir existentiell wichtig. Meine Weltsicht wandelte sich. Es gab eben doch eine unsichtbare Welt, sie war nicht mehr Teil eines überholten antiken Weltbildes. Kurz gesagt: Ich mußte meinen Rationalismus korrigieren Der Verstand lernte vor dem Geist die Knie zu beugen. Vor allem aber bekam ich einen Motivationsschub. Hatte ich kurz vorher noch überlegt, ob ich wirklich lebenslang Pfarrer bleiben wolle, so war das kein Thema mehr. Ich bekam eine bleibende Freude am Glauben und einen Drang ihn weiterzugeben.Das wirkte ansteckend, vor allem auf junge Leute. Die ganze Erfahrung ist für mich immer noch – ja immer wieder neu ungeheuer befreiend.
Mehr Pfingsten?
Aber sicher! Zunächt ein Eindruck, der sich mir in dem Zusammenhang aufdrängt: Die offizielle Kirche vermeidet es, sich mit Themen, die bestimmte Gruppen besetzen und für sich reklamieren, auseinanderzuetzen. So besetzte der Pietismus und in seinem Gefolge die Evangelikalen das Thema “Bekehrung”, “Wiedergeburt” – schon wurde es zum Tabu. Pfingstler und Charismatiker besetzen Themen wie Hl Geist, Charismen oder Geistesgaben – schon ist ein neues Tabu da. Warum nur? Ist das vielleicht ein Zeichen von Schwäche und Feigheit? Die Erfahrung mit Geist und Geistesgaben sind schon auf Grund des biblischen Befundes eine gründliche Auseinandersetzung wert. Da haben wir doch einfach Defizite. Die Schattenseiten des Rationalismus warten dringend auf eine Überwindung! Wer da Angst hat vor einseitiger “Geisttheologie” soll sich erst mal auf den Geist einlassen. Er wird Ausgewogenheit, Befreiung und erweiterte Wahrnehmung der Wirklichkeit erleben. Das geht wahrscheinlich nicht ohne die Demut, sich helfen zu lassen, von denen, die in Geisterfahrungen schon ein Stück mehr zu Hause sind.
Wir bitten ja wahrlich um den Geist in Liedern und Gebeten. Der Geist will aber auch empfangen werden, er will mit uns vertraut werden, will Raum haben im Lebensvollzug und im kirchlichen Handeln. Er will durch seine Gaben wirken. Wenn ich recht sehe kommt das in unserem kirchlichen Leben noch kaum vor. Oder sind z.B. die in 1.Kor. 12 beschriebenen Geistwirkungen kirchliche Lebenswirklichkeit? Was für Chancen liegen noch vor uns, die Kraft, Liebe und Wahrheit des Geistes noch ganz anders zu erfahren. Welche Ermutigung! Was für eine neue Vollmacht für unsere Kirche! Wenn der Geist, der die Kirche gegründet hat in ihr ein Randthema bliebe, dann müßte man sich nicht wundern, wenn die Kirche selbst in der Gesellschaft eine Randerscheinung würde.
Gotthold Karrer, Pfr. i.R., Buchloe
